Tagwacht um 4:30 Uhr. Mit der Klimaanlagen ist es einfach herrlich nachts, auch wenn draussen die Temperatur erst morgens um 7:00 Uhr wieder bei 21°C liegt. Zumindest Leon und ich fanden es eine sehr erholsame Nacht. Leon, weil er nur um 1 Uhr kurz hustete, dann wieder entspannt weiterschlafen konnte. Ich weil ich Ohropax in den Ohren hatte und nichts mitbekam. Jan und Anschi sehen das natürlich anders. Jan war gefühlt die halbe Nacht wach, wegen Leons Kick- und Hustenattacken und Anschi hat Leon auch gehört und sehnt sich zudem nach ihrer Matraze zu Hause. Ich kann das nicht nachvollziehen, es ist so bequem…
Heute ist Jan dran mit Toast schmieren fürs Frühstück. Wir wechseln uns reihum ab – theoretisch. Praktisch war Leon nämlich noch nie dran, er hat das hoheitsvoll an mich delegiert und täte ich es nicht, gäbe es einfach kein Frühstück. Vielleicht wird’s ja noch, er hat noch ein paar Gelegenheiten sich zu beweisen.
Für unseren heutigen Ausflug zu den Narrows im Virgin River Canyon sind wir uns nicht ganz sicher, wie wir uns anziehen sollen. Es ist am morgen wie gesagt um 7:00 Uhr erst 21 °C, also recht kühl, um im Wasser zu laufen. Und genau das haben wir vor. Ziehen wir die Badehosen schon an, wechseln wir diese erst wenn es so weit ist? Ziehen wir uns wieder um? Uns einen Wolf laufen möchten wir auch nicht. Wir entscheiden uns trotzdem für die Badehose und Pullover.
Noch früher als gestern fahren wir mit unserem X5 zum Besucherzentrum des Zion-Valley-Nationalparks und sind wiederum unter den ersten und erwischen einen Schattenparkplatz. Nicht dass das jetzt schon nötig wäre. Wir sehen den Mond, Sterne, den Jupiter über uns thronen.

Wir ziehen die Neoprensocken an, die Spezialwanderschuhe darüber, welche wir gestern gemietet haben und rüsten uns mit dem Wanderstock aus, der uns im Wasser mehr Gleichgewicht geben soll.
Es ist noch stockdunkel, als wir uns um 5:45 Uhr zuvorderst in die Warteschlange für den Parkbus anstellen. Natürlich erwischen wir auch heute den ersten Bus, der Fahrer gratuliert uns auch dazu. Wir uns auch. Es ist ein erhabenes Gefühl, als erste in die Landschaften einzutauchen, weil wir so praktisch die einzigen sind und scheinbar alles für uns alleine haben. Später ist das nicht mehr möglich, wenn die grossen Massen einfallen und den Park in Beschlag nehmen.
Wir fahren nur knapp 30 Minuten und kommen schon an Haltestelle 9, dem Tempel of Sinawava an. Als erste (so geil) laufen wir los in Richtung Canyon, den Windungen des Virgin Rivers entlang.
Alle anderen suchen noch die Toiletten auf, weil es im Canyon für die nächsten 5 Stunden keine geben wird. Wir werden dann bald von anderen überholt, wir beeilen uns aber nicht. Wir sehen dafür Hirsche, die friedlich äsen, nehmen die Landschaft in uns auf. Alle sind gut gelaunt und gespannt auf das neue Abenteuer.

Gut 20 Minuten später sind wir beim Einstiegspunkt, bei dem wir auf den Wasserweg umsteigen. Von jetzt an geht es dem Flusslauf entlang IM Fluss den Canyon hinauf.
Hier der Plan:

Vom Gateway to the Narrows (1) laufen wir bis zur Wallstreet (3) den Virgin River hinauf. Ich erinnere mich an eine Flussquerung in Island bei ca. 6°C. Das Wasser hier ist viel angemehmer ca. 17 °C. Doch schon nach kurzer Zeit kommt das erste «Hindernis», die Lower Narrows. Der Fluss nimmt hier die gesamte Talbreite ein und ist mindestens 1.2 m tief. T-Shirt aus, Rucksack auf den Kopf und durch. Brrrrrr, saukalt, trotz 17 Grad.

Zum Glück ist es nicht weit und wir sind schnell wieder in seichterem Wasser. Aber wir sind nass. Die Strömung ist oft recht stark, man muss recht dagegen ankämpfen. Es ist viel schwieriger, über die Steine und Unebenheiten gegen die Strömung zu laufen, als es aussieht. Wenn man den Dreh raus hat ist es aber auch einfacher als man denken würde. Vor allem, wenn man einen Wanderstock dabei hat wie wir. Es gibt andere Leute (gesehen, als wir zurücklaufen und die Massen uns entgegenströmen), welche mit Sandalen und ohne Stock gegen die Strömung ankämpfen. Bei denen sieht es richtig schwierig aus und das ist es wohl auch. Auf jeden Fall gilt immer: watch your step.
Das Laufen im Wasser aber auch zum Teil am Ufer über die Steine oder durch Stromschnellen braucht volle Konzentration. Steine kippen, es ist rutschig, wenn es zu tief wird zerrt die Strömung. Man kommt zwischendurch fast ein bisschen in Trance. Das allgegenwärtige Rauschen des Flusses tritt in den Hintergrund, der Weg ist das Ziel. Man wird eins mit dem Fluss…
Nein stimmt nicht, Leon ist ununterbrochen am Quasseln und am Fragen stellen. Von dem her stellt sich keine Trance ein.


Aber es ist toll zu sehen, wie begeistert er ist.
So kämpfen wir uns über 2 Stunden lang gegen die Strömung und sind immer etwa mit den selben 5-6 Personen unterwegs – also praktisch unter uns.
Die Sonne ist um 6:30 Uhr über den Horizont gestiegen, langsam färben sich die sichtbaren Berggipfel gelb. Im Canyon unten dauert es aber noch ein paar Stunden, bis die Sonne den Grund erreicht und zudem windet es. So kommen wir in Richtung Wallstreet.

Wir sind nass. Es ist kalt. Leon friert. Er zieht seinen Pullover und meinen Faserpelz an, damit er nicht weiter auskühlt. Jan hat etwas mehr Reserven. Aber mit der Zeit nimmt die Begeisterung ab und Leons Motivation kippt.
Nach etwas mehr als 2 Stunden, also um ca. 9 Uhr will er nicht mehr weiter.
Ich finde immer noch, jede Flusswindung ist spannend, denn dahinter findet sich ein weiterer unbekannter und zu erkundbarer Flussabschnitt. Neue Erosionsformen, Farben und Strukturen. Wundervoll.
Leon sieht das leider nicht (mehr) so. Jan ist auch etwas ausgekühlt. Ist klar, sie stehen ja mit den Beinen tiefer im Wasser und haben weniger Volumen, um der Kälte zu trotzen. Es ist noch nicht merklich wärmer geworden im Canyon, obwohl die Sonne schon deutlich höher steht.
Wir trennen uns. Anschi und Leon kehren um. Jan und ich laufen noch ein paar hundert Meter weiter. Zu zweit sind wir doppelt so schnell und kommen in 15 Minuten bis zum Floating Rock. Jan macht das sehr gut. Ein Naturtalent. Er findet meist einen optimalen Weg und ist nie gestürzt.
Wir kehren dann auch um und holen die beiden anderen 20 Minuten später ein.
Leider rutsche ich in einer Stromschnelle direkt hinter Jan aus und beim Abstützen mit der rechten Hand klemme ich mir den Daumen zwischen Wanderstock und Stein ein. Ein blauer Daumennagel und ein geprelltes Knie sind die Folge.
Wichtige Regel: immer genügend Abstand halten, damit man den Untergrund sehen kann. Wie Forrest Gump sagen würde: shit happens. Aber eben, watch your step, dann würde das nicht passieren. Eigentlich nicht schlimm, aber ich ärgere mich über mich selbst.
Wir laufen stromabwärts und kommen so deutlich schneller voran als hinauf. Unterwegs kommen uns immer mehr Leute entgegen, gegen Ende des Trails sind es Dutzende wenn nicht hunderte von Leuten. Zum Teil ohne Ausrüstung, zum Teil nur in Bikini oder Badehose, junge Frauen mit Babies im Arm, Familien, Renter, auch Michelinmännchen und -weibchen mit deutlich über 150 kg Gewicht… Wir würden gerne wissen, wie weit die kommen werden. Die halbe USA ist im Canyon unterwegs, würde man meinen. Aber recht haben sie, bei den vorherrschenden Hitzetagen ist es nirgends angenehmer als im Canyon.
Ich werde ein paar mal gefragt, wie es weiter oben war, ob es kalt ist und wie tief. Ich scheine offenbar kompetent in diesen Belangen… 🫠 keine Ahnung, weshalb, aber ich werde hier immer wieder angehauen wegen solcher Fragen.
Um 10:20 Uhr sind wir zurück auf festem Land. Der Weg zum Bus fühlt sich an wie ein Spiessrutenlauf. Am Morgen waren wir ja praktisch allein. Nun zieht sich eine Menschenkette von der Bushaltestelle bis zum Einsteigsgateway am Fluss. Wir schlängeln uns zwischen den Massen durch. Ich bin froh, waren wir so früh unterwegs. Dafür wird es nun langsam wärmer. Ich verstehe alle, die heute im Canyon wandern oder auch nur baden gehen. Von den prognostizierten 42°C wird man im Canyon wohl nicht viel merken..
Auf dem Rückweg hören wir plörzlich ein interessantes, ausdauerndes Pfeiffen eines Vogels? Wir stellen dann erstaunt fest, dass es nur so klingt wie ein Vogel und eigentlich ein Eichhörnchen ist. Anja ist hin und weg… Jööööö, so härzig! Wahrscheinlich ist es in Panik wegen den vielen Leute. Wer weiss das schon.

Im Weiteren sehen wir im Hintergrund den Angels-Landing-Fels von gestern.
Wir schnappen uns den vordersten Bus und fahren zurück zum Infocenter. Kaum losgfahren merken wir, dass wir per Zufall genau den gleichen Busfahrer erwischt haben wie gestern, als wir von Angels-Landing zurückgefahren sind – er heisst Ray. Ein älterer, etwas beleibter Herr mit Hörgerät, der den gesamten Weg über das Mikrofon die Fahrgäste über die Haltestellen und sehenswerte Stationen informiert. Was aber besonders auffällt, er sagt gefühlt bei jedem dritten Satz:
«as we arrive at the next stop, look after your personal belongings. As you leave the bus, please watch your step. have a pleasant afternoon and thanks for visiting Zion national park». Nach dem dritten Mal wundert man sich ein bisschen, nach dem zehnten Mal denkt man, man hätte auch einen Kassettenrekorder verwenden können… okay, wahrscheinlich nicht, da dieser nicht fahren kann. Aber wahrscheinlich wiederholt er diese Sätze nachts auch noch im Traum.
Unterwegs mit dem Bus kommen uns plötzlich zwei Polizeiautos mit Blaulicht und Sirene im Einsatzempo entgegen. Jan möchte von mir wissen, was passiert ist. Ich frage mich, woher ich das wissen sollte. 😳
Er bringt aber gleich seine eigene Theorie. Am Eingang des Parks standen Schilder mit dem Hinweis, dass das Füttern von Wildtieren bei Strafe von 100 USD verboten ist. Seine Erklärung ist demnach, dass jemand beim Füttern des pfeiffenden Eichhörnchens erwischt wurde. Der Krankenwagen, welcher kurz darauf mit Blaulich und Sirene vorbeifährt ist zum Polizisten unterwegs, welcher vom Eichhörnchen gebissen wurde. 🤣🤣
Fantasie muss man haben… Hoffen wir, es ist nichts Schlimmeres passiert.
Zurück beim Infocenter das gleiche Lied wie gestern, Hunderte Autos besetzen alle Parkplätze, Dutzende suchen freie Plätze. Gleich 4 Autos warten auf unseren Spot. Auch die Schlange bei den Bussen ist etwas länger als am Morgen früh…

Uns zieht es wieder in den Subway. Die selbst zusammengestellten Sandwiches sind echt lecker. Preislich befinden wir uns hier glaub im Zermatt Utahs. 4 kleine (6 inch = 15 cm) Sandwiches für 40 Dollar. Ja hoppla du! Aber lecker sind sie schon…
Unterdessen wissen wir, wir können die Trinkbecher beliebig oft auffüllen. Wenn wir nur zwei nehmen und sie zudem mit Eis füllen können wir sie nach dem Essen nochmals nachfüllen, mitnehmen und die Getränke bleiben auch bei 40 °C über längere Zeit schön kühl.
Am Nachmittag heisst es ausruhen. Heute geht niemand in den Pool, wir waren genug im Wasser für einen Tag.
Lesen, Games, Blog schreiben, dösen und Apéro füllen den Nachmittag aus. Draussen ist es heiss, das Lesen im Schatten wird mir nach 20 Minuten zu hitzig.
Zum Znacht besuchen wir Oscar’s Café über die Straße, wo wir mit amerikanisch dimensionierten Burritos überfordert sind. Wir haben zum Glück nur zwei davon bestellt. Wir essen bei 36 °C im Schatten und schwitzen vor uns hin. Voll und K.O. geht’s um 20 Uhr zurück ins Zimmer.
Die letzten Tage waren sehr intensiv, wir sind nun seit 5 Tagen in den USA und haben schon viel gesehen und erlebt. Morgen wird es etwas gemütlicher, wir schlafen aus und essen mal Frühstück vom Hotel. Leon muss also wiederum kein Frühstück machen… Mist, so lernt er es doch nie! 🤦🙅
























Grossartig seid ihr, meine Lieben! Was ihr alles erlebt, was ihr auf euch nehmt…ich bewundere euren Durchhaltewillen! Hoffentlich bleibt ihr gesund und munter. Und Tobys Daumen schmerzt nicht zu stark…
Die Photos sind unglaublich..eine andere Welt tut sich euch auf. Ihr seid wirklich Abenteurer.
Weiter viel Schönes ! Küssli vom Ömi.
Also Gropi und ich haben heute eure Wanderungen oder Bergbesteigungen im Computer nachgeschaut. Ihr seid ja obermutig, soche Strapatzen auf euch zu nehmen. Also die Bergwelt ist ja einzigartig. Wie auf einem andern Planeten!
Nun machen wir Anja ein riesiges Kompliment. In einem völlig fremden Land, mit so einer Grösse, solche Wanderungen und Höhepunkte heraus zu kristallisieren, dass ist hohe Schule von «Reiseführung». Wir beglückwünschen dich zu deinem Können!
Die beiden Enkel, die diese Abenteuer mit so einer Selbstverständlichkeit mitmachen finden wir supertoll.
Wir wünschen euch einen tollen Erholsonntag und freuen uns auf die nächsten Abenteuer mit euch 😊
Vielen Dank für das grosse Kompliment. Ich hatte 1 Jahr Zeit zum Recherchieren und Planen. Ich mache das sehr gerne und habe dankbare und flexible Mitreisende.😀
Ja ich weiss! Und darum wünsche ich euch weiterhin soviele wunderbare Abenteuer. Liebe Anja, die meiste Menschen die auch ein Jahr planen könnten, würden dass nie schaffen, was du da hingekriegt hast. Einfach «BRAVO». Ohne Einschränkung. Ich meine es sehr ernst. Ich hoffe die zwei Enkel merken, was für ein privileg sie haben mir dir und Tobias. Ich finde es toll, wie ihr eure Ferien verbringt und freue mich auf die nächste Zeit mit euch. ❤-lichi Grüessli Doris, Mami und Mimami